Im Herbst vergangenen Jahres hab ich es gewagt und an einer von Berlin aus organisierten Rudertour nach Gambia teilgenommen. Neben dem sportlichen Aspekt versprach die Reise intensive Eindrücke von Land, Leuten und einem für uns sehr ungewöhnlichen Ruderrevier.
Anreise und Geburtstag in der Tropennacht
Am 9. November traf ich mich in einem Berliner Hotel mit Barbara, Sabine, Karl und Karin, der Organisatorin der Tour. Mein Gepäck war mit 15 Kilo bewusst schlank gehalten, wurde aber von Karin zielstrebig mit Tütensuppen, Pesto, Gratinkäse und anderen „Care-Paketen“ für in Gambia lebende Freunde aufgefüllt – ein Hinweis darauf, wie kostbar Alltägliches dort sein kann.
Am 10. November flog unsere Teilgruppe von Berlin nach Barcelona, wo wir weitere Ruderinnen und Ruderer trafen und gemeinsam nach Banjul weiterreisten. Bei der Ankunft am Abend schlug uns tropisch-feuchte Wärme entgegen; vor dem Flughafen wurden wir von Modou, Karins langjährigem Partner vor Ort, und seiner Familie herzlich begrüßt, mit selbstgebackenen Snacks und kühlen Getränken. Für mich hatte dieser Ankunftstag eine besondere Note: Anlässlich meines Geburtstags überraschte Karin im ersten Hotel, dem Sandbeach Hotel am Atlantik, mich mit einer großen Geburtstagstorte, die wir in geselliger Runde teilten – eine Szene, in der eine eben erst zusammengekommene Reisegruppe sich bereits wie ein eingespieltes Team anfühlte.
Erste Rudertage: Fischmarkt, Klinkerboote und Mangroven
Der erste ganze Tag in Gambia führte uns zunächst nach Tanjie auf den Fischmarkt. Dort beobachteten wir, wie bunt bemalte Fischerboote anlandeten und Frauen in farbenfroher Kleidung den frisch gefangenen Fisch übernahmen und teils direkt vor Ort weiterverarbeiteten – ein sehr lebendiger Einblick in den Alltag an der Küste.
Anschließend fuhren wir zur Kurumbo Lodge, wo die von Berliner Vereinen gespendeten und in Gambia aufwendig instand gehaltenen Klinker-Doppelvierer lagern. Nach einer Bootstaufe ruderten wir das erste Mal auf einem schmalen Seitenarm des Gambia-Flusssystems, vorbei an dichtem Mangrovenbewuchs, Wasservögeln und mit der seltenen Gelegenheit, ein Krokodil am Ufer zu sehen. Zurück an Land wurden wir mit einem frisch zubereiteten Fischgericht und Reis bewirtet, bevor es ins Hotel nach Kololi zurückging.
An einem der folgenden Tage besuchten wir das Wahrzeichen von Banjul, den Arch 22, und erhielten in der Ausstellung im oberen Teil des Bauwerks einen kompakten Überblick über Geschichte, Kolonialzeit und Unabhängigkeit Gambias. Im Anschluss ruderten wir von der Denton Bridge aus durch ein von Mangroven gesäumtes Gewässer zur Lamin Lodge, begleitet von einem einheimischen Boot. In der offenen Holzkonstruktion der Lodge wurden wir mit Fischgerichten und Getränken versorgt – während wir gleichzeitig damit beschäftigt waren, unsere Teller vor besonders neugierigen Affen zu schützen. Vor Ort bekamen zudem eine anschauliche Erklärung zur Austernernte und zur Verwendung der Schalen als Baumaterial.
Lodges im Landesinneren, Lagerfeuer und Begegnungen
Nach einigen Tagen an der Küste zogen wir in die Wunderland Lodge im Landesinneren um. Die Anfahrt über unbefestigte Straßen, vorbei an Viehherden, Verkaufsständen und winkenden Kindern, vermittelte ein deutlich anderes Bild des Landes als die touristisch geprägte Küstenregion. Die Lodge selbst liegt in einer gepflegten Gartenanlage mit kleinen Rundhäuschen, Moskitonetzen und einem offenen Rundbau als zentralem Ess- und Treffpunkt.
Von hier aus erschlossen wir weitere Ruderreviere in den Mangroven, darunter eine Strecke zur Mandina River Lodge, einer abgelegenen und architektonisch auffälligen Anlage auf Stelzen. Abends bildeten gemeinsame Mahlzeiten mit typisch gambischen Speisen, frischen Früchten und ein Lagerfeuer mit Trommeln und Gesang. Es wurde gelacht, erzählt, leise mitgetrommelt und manchmal etwas schief mitgesungen; dabei entstanden Momente, in denen man beinahe vergaß, dass man sich wenige Tage zuvor noch nicht gekannt hatte. Diese Abende trugen wesentlich zu dem Gefühl bei, nicht nur als Reisegruppe „durchzureisen“, sondern zumindest ein Stück des Alltags und der Kultur mitzuerleben.
Ein weiterer Stationenwechsel führte uns in die Bintang Bolong Lodge, deren auf Stelzen errichtete Holzhäuser direkt zwischen den Mangroven am Wasser liegen. Hier begleiteten uns auf dem Weg zu den Booten regelmäßig Kinder aus dem Ort, die beim Tragen von Skulls und Zubehör halfen und mit sichtbarer Freude unseren Abfahrten zusahen.
Rudern, Hitze und das Lernen voneinander
Das Rudern in den Mangroven bot neben eindrucksvollen Landschaftsbildern und Vogelbeobachtungen auch körperliche Herausforderungen. Die Kombination aus hoher Luftfeuchtigkeit, intensiver Sonneneinstrahlung und der Dauer auf dem Wasser verlangte allen Teilnehmenden eine gute Einteilung der Kräfte ab. Sonnencreme, Kopfbedeckung und Wasserflasche waren unsere ständigen Begleiter.
Besonders eindrücklich waren für mich die Momente, in denen Einheimische das Rudern ausprobieren wollten. Wir nahmen sie ins Boot, erklärten die Grundbewegungen und beobachteten, wie aus anfänglicher Unsicherheit Stolz und sichtbare Freude über die neue Erfahrung wurde. Umgekehrt lernten wir von unseren gambischen Freuden sehr viel über den Alltag, die Bedeutung von Bildung – die in Gambia mit erheblichen Kosten verbunden ist – und die große Bedeutung von familiären und nachbarschaftlichen Netzwerken.
Erholungsphase am Atlantik und kulturelle Einblicke
Nach dem letzten Rudertag kehrten wir an die Küste zurück, ins Lemon Creek Hotel, das direkt am Atlantik liegt. Die Tage dort waren von Baden, Strandspaziergängen, Lesen und kleineren Ausflügen geprägt und boten eine willkommene Erholung nach den intensiven Ruderabschnitten.
Ein Ausflug führte uns in den Monkey Park, ein Naturreservat mit frei lebenden Affen. Unter Begleitung eines Rangers konnten wir die Tiere aus nächster Nähe beobachten; einige sprangen uns kurzerhand auf die Schultern oder versuchten, besonders offensiv an Erdnüsse zu gelangen, was trotz vorheriger Hinweise immer wieder für kurze Aufschreie und danach gemeinsames Lachen sorgte. Anschließend nutzten wir die Gelegenheit zu einer Erfrischung am Strand und besuchten den Senegambia Craft Market mit seinem vielfältigen Angebot an Kunsthandwerk und Stoffen.
Ein weiterer Tag war dem Besuch eines Kulturmuseums mit angeschlossenem Krokodilbecken gewidmet, wo wir sowohl vertiefende Einblicke in die Geschichte des Landes als auch – unter Anleitung – sehr unmittelbaren Kontakt zu den Reptilien bekamen. Zum Abschluss besichtigten wir eine Batikwerkstatt, in der sämtliche Arbeitsschritte noch per Hand ausgeführt werden, und konnten Stoffe und Textilien erwerben – in meinem Fall haber ich daraus Bettwäsche anfertigen lassen, die mich nun zu Hause immer wieder an diese Reise erinnert.
Die Reise nach Gambia war für mich weit mehr als eine sportliche Wanderfahrt. Sie verband das Rudern in einem außergewöhnlichen Revier mit Einblicken in die Lebenswirklichkeit eines Landes, das von großen wirtschaftlichen Herausforderungen, aber auch von großer Gastfreundschaft und Offenheit geprägt ist.
Besonders eindrücklich bleiben mir die Zusammenarbeit mit der gambischen Crew, das gemeinsame Rudern mit Einheimischen, die Abende am Lagerfeuer in den Lodges und die Erfahrung, wie schnell sich in einer zunächst unbekannten Gruppe ein Gefühl von Vertrautheit entwickeln kann. Und nicht zuletzt die vielen kleinen Schmunzelmomente zwischen Affen, Krokodilen, Mangroven und Ruderschlägen, die diese Reise für mich unvergesslich machen. Danke!
Raico





